07.07.2014
So könnte das Mammographie-Screening noch mehr Erfolg haben
Wenn tausend Frauen zehn Jahre lang zum Mammographie-Screening gehen, kann einer von ihnen das Leben gerettet werden.
Wenn tausend Frauen zehn Jahre lang zum Mammographie-Screening gehen, kann einer von ihnen das Leben gerettet werden. Denn ohne das Screening würden von diesen Frauen fünf an einem Brustkrebs sterben; mit Screening sind es nur vier. Dieser Erfolg ist großartig. Ihm steht allerdings das Problem gegenüber, dass durch das Screening aber auch kleine und wenig aggressive Tumoren entdeckt werden, die vielleicht anders nie aufgefallen wären und das Leben der Frau nicht verkürzt hätten: „Auf eine Frau, deren Leben durch das Mammographie-Screening gerettet wird, kommt eine Frau, die wegen des Screenings unnötig therapiert wurde“, fasste Dr. med. Ulrich Placzek, München, auf der 34. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Senologie in Berlin zusammen. Für die Zukunft wird es eine wichtige Aufgabe sein zu bestimmen, wie aggressiv sich ein entdecktes Karzinom verhalten wird. Wenn dies gelingt, könnten künftig Übertherapien vermieden werden. Auf der anderen Seite entgehen aber schnell wachsende Karzinome dem zweijährlichen Screening, die dann durch in der Zwischenzeit durch ihre Symptome auffallen, zum Beispiel als tastbarer Knoten oder durch andere Veränderungen der Brust.
Andere Probleme, die das Mammographie-Screening mit sich bringt, lassen sich jedoch nur durch grundsätzliche Entscheidungen beseitigen; so wurde das Screening nur als eine Maßnahme der Röntgendiagnostik eingeführt, in der kein Arztkontakt vorgesehen ist; Frauenärzte wurden trotzt ihrer Kompetenz von Beginn an ausgeschlossen, eine Zusammenarbeit von Screeningeinheit und Frauenärzten nicht vorgesehen, wie San.Rat Dr. med. Werner Harlfinger erläuterte. „Die Frauen sind nicht zufrieden mit dieser Situation“, so Harlfinger; dies zeige sich auch in den sehr schlechten Teilnahmeraten von nur etwa 50 Prozent im zweijährlichen Rhythmus. Eine deutliche engere Einbindung der Frauenärzte auch in Überlegungen zu einer Verbesserung der Screening-Strategien wäre ein wichtiger Schritt.
So verliert die Röntgenuntersuchung an Aussagekraft, wenn das Drüsengewebe der untersuchten Brust sehr dicht ist (ACR III und IV)1,, wie Frauenärzte immer wieder betonen. Ursprünglich war man davon ausgegangen, dass das bei Frauen über 50 Jahre nur selten der Fall sei. Inzwischen hat sich gezeigt, dass diese Annahme falsch ist: Bei drei von zehn im Screening untersuchten Frauen ist das Gewebe so dicht, dass die Röntgenaufnahme nicht ausreicht, um einen Tumor sicher auszuschließen. Dadurch werden gelegentlich Krebsherde in der Mammographie nicht gefunden.„Jeder vierte Brustkrebs bleibt im Mammographie-Screening unentdeckt“, so Placzek, „stattdessen beobachtet die Frau selbst Veränderungen in der Brust und begibt sich in frauenärztliche Behandlung, oder der Tumor wird bei der gynäkologischen Krebsfrüherkennungsuntersuchung durch das Abtasten der Brust oder im Ultraschall entdeckt.“
Nach Ansicht des Berufsverbandes der Frauenärzte e.V. kann das Screening nur durch einige grundlegende Veränderungen verbessert werden: So müsste der Dichtegrad des Brustgewebes verpflichtend an die gynäkologische Praxis gemeldet werden. Bei sehr dichtem Gewebe sollte ein qualifizierter Ultraschall der Brust angeschlossen werden, um eine größere Sicherheit zu bekommen: Denn der Ultraschall hat sich als wertvolle zusätzliche Methode bewährt, wenn das Drüsengewebe der Brust sich im Röntgenbild als dicht und damit wenig strahlendurchlässig erweist. Er hilft, um Areale mit unklaren, verdächtigen Gewebestrukturen und umgrenzte Verschattungen besser zu beurteilen, die teilweise oder auch vollständig durch andere Gewebestrukturen überlagert werden. Außerdem hilft der Ultraschall als ergänzende Methode, um vor einer geplanten Gewebeentnahme besser zu unterscheiden, ob ein Befund gutartig, verdächtig oder sicher bösartig ist, so Prof. Christine Solbach, Leiterin des Brustzentrums der Universitäts-Frauenklinik Frankfurt.
Das zweite Problem des Screenings ist das Fehlen des ärztlichen Gespräches und der frauenärztlichen Abtastung der Brust vor der Röntgenuntersuchung. „Die klinische Untersuchung sollte zum verpflichtenden Bestandteil des Screenings auf Brustkrebs werden“, so Placzek. „Es müssten Kriterien erarbeitet werden, die eine Unterscheidung von niedrigem gegenüber hohem Risiko für Brustkrebs ermöglichen, um mit verstärktem Aufwand Frauen mit einem erhöhten Risiko zu versorgen.“
Diese Änderungen des Brustkrebs-Screenings müssten helfen, die Zahl der aggressiven und lebensbedrohlichen Krebserkrankungen zu senken, ohne durch die Entdeckung und Behandlung von wenig aggressiven Krebsvarianten Schaden anzurichten, fasste San.Rat Dr. med. Werner Harlfinger zusammen, Schriftführer im Berufsverband der Frauenärzte und Landesvorsitzender Rheinland-Pfalz des Berufsverbandes der Frauenärzte. „Das Mammographie-Screening einzuführen war ein großer Schritt in die richtige Richtung. Es bleibt jedoch in der jetzigen Form unbefriedigend. Es gilt, offen über zu sprechen und im Interesse der Frauen die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Gleiches gilt letztlich auch für die Folgezeit nach der Verdachtsdiagnose im Screening: Die niedergelassenen Frauenärzte, zu denen die Brustkrebspatientinnen nach der Behandlung im Krankenhaus wieder zurückgehen, sollten von Beginn an verpflichtend in Diagnostik und gegebenenfalls in die Therapie mit einbezogen werden.“
1ACR = American College of Radiology. ACR I und ACR II: Wenig Drüsengewebe in der Brust. ACR III und ACR IV: Unregelmäßig verteiltes bzw. viel Drüsengewebe in der Brust.
© Pressemitteilung des BVF 2014


