05.12.2016

Sexualisierte Gewalt im Sport

Das Forschungsprojekt »Safe Sport« kann nun erstmals Daten zu sexualisierter Gewalt im organisierten Sport in Deutschland vorlegen.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Deutschen Sporthochschule Köln und des Universitätsklinikums Ulm untersuchen aktuell im Forschungsprojekt »Safe Sport« die Häufigkeiten und Formen von sexualisierter Gewalt im Wettkampf- und Leistungssport sowie den Umsetzungsstand von Maßnahmen zur Prävention und Intervention in Sportverbänden und -vereinen.

Sexualisierte Gewalt kommt auch im Wettkampf- und Leistungssport vor, und zwar nicht häufiger oder seltener als in der Allgemeinbevölkerung - dies ist ein zentraler Befund des aus mehreren Teilstudien bestehenden Projektes. Rund 1.800 KaderathletInnen in Deutschland hatten sich an einer Online-Befragung beteiligt und dabei Fragen zu Erfahrungen von sexualisierter Gewalt im Sport beantwortet. Dabei liegt den Studien im Projekt »Safe Sport« ein weites Begriffsverständnis zugrunde. Es werden neben sexualisierten Gewalthandlungen mit Körperkontakt auch solche ohne Köperkontakt oder grenzverletzendes Verhalten einbezogen.

Ein Drittel der Befragten von sexualisierter Gewalt betroffen

Etwa ein Drittel aller befragten KadersportlerInnen hat schon einmal eine Form von sexualisierter Gewalt im Sport (im Sinne der zuvor genannten weiten Definition) erfahren. Eine/r von neun der befragten SportlerInnen hat schwere und/oder länger andauernde sexualisierte Gewalt im Sport erlebt. Dabei tritt sexualisierte Gewalt i.d.R. nicht isoliert auf, sondern gemeinsam mit anderen Gewaltformen (z.B. emotionale oder körperliche Gewalt). Die Mehrheit der betroffenen AthletInnen ist bei der ersten Erfahrung sexualisierter Gewalt im Sport unter 18 Jahre alt.

„Die Daten bestätigen, dass Sportverbände und -vereine in der Verantwortung stehen, den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierten Übergriffen zu optimieren", so die Koordinatorin des Verbundprojektes, Dr. Bettina Rulofs, Deutsche Sporthochschule. Ein großer Teil der deutschen Sportverbände hat diese Notwendigkeit erkannt und verschiedene Maßnahmen zur Prävention und Intervention eingeführt. Dies ist das Ergebnis einer weiteren Teilstudie des Projektes, die z.Zt. den Umsetzungsstand von Präventions- und Interventionsmaßnahmen bei zentralen Mitgliedsorganisationen des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) untersucht.

Deutsche Sportjugend und Landessportbünde als wichtige Impulsgeber für Prävention

Besonders die Deutsche Sportjugend und die Landessportbünde mit ihren Sportjugenden können auf Basis dieser Studie als wichtige Impulsgeber für die Einführung und Umsetzung von Präventionsmaßnahmen im Sport bezeichnet werden. So haben z.B. alle Landessportbünde spezifische AnsprechpartnerInnen für die Prävention sexualisierter Gewalt benannt. Auch in 80% der Spitzenverbände und in 54% der Sportverbände mit besonderen Aufgaben sind Ansprechpersonen vorhanden. Außerdem wurde das Thema in nahezu allen Bundesländern über die Landessportbünde in Qualifizierungsmaßnahmen für TrainerInnen oder ÜbungsleiterInnen verankert.

Prävention an der Basis des Sports weiter ausbauen

An der Basis des Sports, in den rund 90.000 Sportvereinen, besteht allerdings noch Bedarf für die Sensibilisierung zum Thema und die konkrete Umsetzung von Schutzmaßnahmen. Im Rahmen einer repräsentativen Vereinsbefragung gab ca. die Hälfte der befragten Vereine an, dass das Thema relevant für Sportvereine sei. Nur gut ein Drittel der Vereine setzt sich nach eigenen Angaben aktiv gegen sexualisierte Gewalt ein. Regelmäßige Schulungen zur Thematik werden nur in 9% der Vereine durchgeführt und nur jeder zehnte Verein hat eine/n spezifische/n AnsprechpartnerIn für die Prävention sexualisierter Gewalt oder für den Kinderschutz benannt. Der niedrige Umsetzungsstand von konkreten Präventionsmaßnahmen in den Vereinen ist angesichts der Ergebnisse aus der AthletInnen-Befragung bedenklich, denn sexualisierte Gewalterfahrungen machen AthletInnen am häufigsten im unmittelbaren Kontext des Vereins. Zugleich beinhaltet die Vereinskultur wichtige Voraussetzungen für den Schutz vor sexualisierter Gewalt, denn - so zeigen es die Ergebnisse der AthletInnen-Befragung - in Vereinen mit einer klar kommunizierten „Kultur des Hinsehens und der Beteiligung" ist das Risiko für AthletInnen, sexualisierte Gewalt zu erfahren, signifikant geringer.

Ergebnisbericht zum Download unter: www.dshs-koeln.de/aktuelles/meldungen-pressemitteilungen/detail/meldung/sexualisierte-gewalt-im-sport-2/

Quelle: Deutsche Sporthochschule Köln www.dshs-koeln.de/aktuelles/meldungen-pressemitteilungen/detail/meldung/sexualisierte-gewalt-im-sport-2/

Autor/Autoren: äin-red