19.03.2015

Mehrlingsschwangerschaften – aufwändige Betreuung, sorgfältige Planung der Geburt

Mehrlingsschwangerschaften werden zu Recht als Risikoschwangerschaften bezeichnet. Deshalb sollten sich Frauen mit Mehrlings- schwangerschaften häufiger in der Mutterschaftsvorsorge vorstellen.

Mehrlingsschwangerschaften werden zu Recht als Risikoschwangerschaften bezeichnet. Zum einen leiden Frauen in einer solchen Schwangerschaft häufiger unter Schwangerschaftsübelkeit, unter Bluthochdruck, Wassereinlagerungen, Blutarmut und Krampfadern. Aber auch wenn die Mutter völlig gesund ist, können sich die Mehrlinge gegenseitig Nährstoffe streitig machen; es kommt häufiger zu Nabelschnurkomplikationen, und die starke Dehnung und Belastung der Gebärmutter führt oft dazu, dass die Geburt früher beginnt als bei Einlingen. Dies erläuterte Prof. Dr. med. Birgit Seelbach-Göbel, Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Direktorin der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder, Universität Regensburg, anlässlich des Frauenärztlichen Fortbildungskongresses FOKO 2015 in Düsseldorf.
Deshalb sollten sich Frauen mit Mehrlingsschwangerschaften häufiger in der Mutterschaftsvorsorge vorstellen; außerdem sollte ab dem zweiten Schwangerschaftdrittel das Wachstum der Mehrlinge in zwei- bis vierwöchigem Abstand per Ultraschall kontrolliert werden. Kurze Intervalle sind vor allem dann notwendig, wenn sich die Kinder eine Plazenta teilen. Von den Ergebnissen dieser Messungen hängt das Vorgehen in der weiteren Schwangerschaft ab und auch die Frage, wann und auf welche Weise die Geburt geplant werden sollte.

In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle hat jeder Zwilling seine eigene Fruchthöhle und seine eigene Plazenta, in etwa einem Viertel müssen sie sich zwei Kinder teilen. Dann kann es passieren, dass über Verbindungen von Blutgefäßen ein ständiger Transfer von Blut vom einen auf den anderen Zwilling erfolgt und es zu einer gefährlichen Unterversorgung des einen und einer gefährlichen Überlastung des anderen Zwillings kommt, wie Prof. Seelbach-Göbel erläuterte. Früher führte diese Situation bei vielen der betroffenen Mehrlinge zum Tod. In spezialisierten Zentren kann heute mit operativen Eingriffen an der Nabelschnur die Situation so weit normalisiert werden, dass ein Überleben für einen oder auch für beide Zwillinge möglich wird. Teilen sich die Zwillinge auch die Fruchthöhle, so steigt vor allem in der zweiten Schwangerschaftshälfte außerdem das Risiko für Nabelschnurumschlingungen.
Hat jeder Zwilling seine eigene Plazenta so entwickeln sich die Kinder in der Regel gleichmäßig.

Natürliche Geburt ist möglich
Ob eine natürliche Geburt bei Zwillingen abgewartet werden kann, ob die Geburt eingeleitet werden sollte oder ob es sinnvoller ist, einen Kaiserschnitt zu planen, hängt von mehreren Faktoren ab. Dies sind die Gesundheit und das Alter der Mutter, die Lage der Kinder zum Entbindungszeitpunkt, die Zahl der vorangegangenen Geburten und die Frage, ob bei den Zwillingen erhebliche Wachstumsunterschiede vorhanden sind. Denn auch bei Zwillingen ist ein Kaiserschnitt einer natürlichen Geburt nicht prinzipiell überlegen, was die Komplikationen, die Erkrankungen und Sterbefälle von Müttern und Neugeborenen angeht.

Wenn beide Zwillinge und die Mutter gesund sind, die Mutter jünger ist als 35 Jahre, es sich nicht um die erste Geburt handelt und keine Einleitung erforderlich ist, wird der natürliche Geburtsweg in mehr als 90% erfolgreich sein, so erläuterte die Professorin. Voraussetzung ist, dass das geburtshilfliche Team in Zwillingsgeburtshilfe versiert ist und genug Routine hat, auch Komplikationen zu meistern, dass die Entbindung in diesen Fällen unverzüglich durch Kaiserschnitt beendet werden kann und eine kindermedizische Betreuung sofort verfügbar ist. Dies stellt hohe Anforderungen an die strukturellen und personellen Ressourcen einer Klinik und ist am besten in sogenannten Perinatalzentren gewährleistet. Aber auch wenn es für die Mutter die erste Geburt ist, sie älter als 35 Jahre ist, die Wehen eingeleitet werden müssen, ist immer noch die Hälfte der vaginalen Entbindungsversuche erfolgreich.

Wenn dagegen eine deutliche Verzögerung des Wachstums bei einem oder beiden Zwillingen vorliegt, dann ist die Gebärmutter nicht mehr der ideale Ort für das weitere Wachstum. Unter intensiver Kontrolle wird man versuchen, 34 Schwangerschaftswochen zu erreichen, aber gegebenenfalls auch schon vorher nach medikamentöser Förderung der Lungenreife die Schwangerschaft mit einem Kaiserschnitt beenden. In dieser Situation müssen sich die Geburtshelfer gemeinsam mit den Eltern und Kinderärzten beraten, um den optimalen Entbindungszeitpunkt festzulegen, damit keine gefährliche Unterversorgung entsteht.

Für Eltern ist das Leben mit Mehrlingen immer ein Kraftakt. Umso wichtiger ist es, dass die Babys zusammen mit ihren Eltern gesund nach Hause entlassen werden können.

Quelle: Pressemitteilung Frauenärztliche Bundesakademie FBA; © FOKO 2015

Autor/Autoren: äin-red

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