03.12.2013
Jenseits der Intensivmedizin – Familie für das kleine Frühgeborene
Extrem frühgeborene Kinder entwickeln sich besser, wenn sie neben bestmöglicher Intensivmedizin von Anfang an engen Kontakt mit ihren Eltern haben können.
Extrem frühgeborene Kinder entwickeln sich besser, wenn sie neben bestmöglicher Intensivmedizin von Anfang an engen Kontakt mit ihren Eltern haben können. Die Frühgeborenenstation des Universitätsklinikums Dresden hat auf diesem Weg mutig neue Wege beschritten. „Das FamilienNetz in Dresden ist für alle Frühgeborenen-Abteilungen in Deutschland wegweisend", so Prof. Dr. med. Rainer Rossi, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin. „Eltern lernen hier von Anfang an, eng betreut von einem engagierten Team, eine seelische und auch körperliche Beziehung zu ihrem winzigen Baby aufzubauen, dessen Leben oft noch völlig von der Intensivmedizin abhängt. Die ersten Auswertungen zeigen, dass diese Kinder sich besser entwickeln und später weniger gesundheitliche und seelische Probleme haben als andere Frühgeborene."
Unreif geborene Frühgeborene, die manchmal um drei oder sogar vier Monate zu früh gekommen sind, können oft noch nicht ausreichend allein atmen, können ihre Körpertemperatur nicht aufrechterhalten, haben noch kaum Saug- und Schluckreflexe und haben noch kein kräftiges Immunsystem, das sich gegen Keime zur Wehr setzen kann. Ohne die intensive Betreuung durch speziell ausgebildete Ärztinnen, Ärzte und Pflegepersonal haben sie praktisch keine Chance zu überleben. Deswegen steht normalerweise die Lebensrettung im Vordergrund: Die winzigen Kinder liegen im Brutkasten, der ihnen Körperwärme gibt, werden beatmet und durch Sonden ernährt. Weil selbst Keime, die sonst harmlos sind, bei unreif geborenen Kindern schwere Erkrankungen auslösen können, müssen Hygienevorschriften strengstens beachtet werden. Deshalb durften Eltern und Geschwister diese kleinen Frühgeborenen oft über viele Wochen nur durch die Wand des Brutkastens ansehen.
Auf der Frühgeborenen-Intensivstation der Universitätsklinik Dresden werden seit fünf Jahren neue Wege beschritten, und obwohl zuerst mit Skepsis beobachtet, zeigen die Erfolge, dass diese Wege richtig sind: Die Eltern werden zunächst intensiv geschult, damit sie verstehen, womit sie ihrem Kind in seiner gefährdeten Situation möglicherweise Schaden zufügen können. Der enge Körperkontakt mit dem Baby - das sogenannte Kangorooing - wird von Beginn an gefördert, auch bei intensivmedizinisch überwachten oder beatmeten Frühgeborenen. Die Eltern werden angeleitet, so früh wie möglich die Pflege ihres Babys zu übernehmen, auch das Füttern und Baden. Sie lernen, mit dem unreifen Baby Kontakt aufzunehmen, seine Reaktionen zu verstehen und darauf einzugehen. Eltern werden also zu den Experten für ihr eigenes Kind. Ist das Kind reif und gesund genug für die Entlassung, so stellt dieser Schritt für Kind und Eltern dann kein riskantes Manöver mehr dar, sondern nur noch einen Übergang. Die Eltern werden in der gesamten Zeit in der Klinik intensiv beraten und betreut, auch wenn es dem Kind gesundheitlich schlechter geht, oder wenn sich finanzielle oder berufliche Krisen anbahnen oder die seelische Belastung kaum noch auszuhalten ist.
„Das Dresdner Konzept ist beispielhaft und sollte wenn irgend möglich von vielen Kliniken übernommen werden", so Rossi." Aber es funktioniert nur, wenn die Eltern viel Unterstützung aus der Klinik bekommen. Es ist kein Instrument, um Personal einzusparen. Außerdem kann es nur funktionieren, wenn alle im Team große Erfahrung und auch Übung im Umgang mit den extrem unreifen Kindern haben und wenn die ganze Ausstattung der Station auf dieses Konzept ausgerichtet ist. Auf kleinen Stationen ist ein solches Konzept nicht denkbar."
Prof. Dr. med. Rainer Rossi
Präsident der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin
Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin - Perinatalzentrum - des Vivantes-Klinikums Berlin-Neukölln
Quelle: © DGPM 2013


