11.12.2015
Das Leben von Frühgeborenen retten – mit bestmöglicher Versorgung
Die Struktur der geburtshilflichen Versorgung und der Betreuung der Neugeborenen in Deutschland wird seit Längerem heftig diskutiert: Flächendeckende Versorgung versus Spezialzentren stehen zur Debatte.
In Deutschland gibt es etwa 230 Zentren für Geburten nach Risikoschwangerschaften und für Frühgeburten, so genannte Perinatalzentren der Level 1 und 2. Das entspricht einem Zentrum pro 3.100 Geburten. In Schweden mit einer Fläche, die um 30% größer ist als die Fläche Deutschlands, gibt es sieben Perinatalentren. Das entspricht einem Zentrum pro 16.000 Geburten. In Deutschland gibt es insgesamt etwa 830 Geburtskliniken, das entspricht einer Geburtsklinik auf knapp 900 Geburten (bei ca. 715.000 Geburten). In Schweden sind es 46 Geburtskliniken, was etwa einer Klinik pro 2.500 Geburten entspricht (ca. 116.000 Geburten insgesamt). Kurze Wege zur Geburtsklinik sind nur im Süden Schwedens möglich. In allen anderen Regionen sind Wege von 100 Kilometern und weit mehr keine Seltenheit. Um in ein Perinatalzentrum zu kommen, müssen Schwangere teilweise Tagesreisen in Kauf nehmen.
Trotzdem versterben in Deutschland etwa 21 von 10.000 Früh- und Reifgeborenen, in Schweden nur 15 . Denn in Schweden gelingt etwas, was in Deutschland unmöglich scheint: Eine sichere Geburtshilfe mit einer optimalen Versorgung von Mutter und Kind, und ein Verzicht auf kleine Kliniken, in denen wegen zu geringer Geburtenraten und knapper Personalschlüssel die bestmögliche Betreuung rund um die Uhr nicht immer gewährleistet ist. Schwangere mit Risiken, Komplikationen und Frühgeburten werden in Schweden in sehr wenigen geburtshilflichen Zentren mit Spezialabteilungen für kranke Neugeborene, sogenannten Abteilungen für Neonatologie, versorgt. Außerklinische Geburten sind praktisch unbekannt.
Die Struktur der geburtshilflichen Versorgung und der Betreuung der Neugeborenen (Neonatologie) in Deutschland wird seit Längerem heftig diskutiert, Anlass sind hierfür verschiedene Vorgaben des Gemeinsamen Bundesausschusses, der sich in den letzten Jahren vorrangig mit der neonatologischen Seite befasst hat.
In Deutschland ist es das erklärte politische Ziel, eine flächendeckende Versorgung mit sehr kurzen Wegen zur Geburtsklinik anzubieten. Die geburtshilfliche Situation ist durch ein dichtes Netz kleiner Kliniken gekennzeichnet, während in anderen europäischen Ländern deutlich größere geburtsmedizinische Kliniken in geringerer Zahl - und mit entsprechend längeren Wegen zur Klinik - das Bild prägen. Es kommt hinzu, dass trotz weiterer Wege zur nächsten geburtshilflichen Einrichtung auch die Sterblichkeit der Mütter, die in direktem Zusammenhang mit der Geburt steht, in Schweden (3,7/100.000) und Finnland (3,9/100.000) deutlich niedriger ist als bei uns (6,5/100.000). Zudem gibt es in den meisten europäischen Ländern praktisch keine geburtshilflichen Einrichtungen ohne angeschlossene Kinderklinik, so dass bei erforderlicher Behandlung eines Neugeborenen die pädiatrische Versorgung unmittelbar beginnen kann.
„Die Diskussion um die Schließung kleiner Geburtskliniken und um eine Mindestgröße von Perinatalzentren wird in Deutschland mit viel Leidenschaft geführt", so erläutert Prof. Dr. med. Rainer Rossi, Pastpräsident der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin am 2. Dezember auf dem 27. Deutschen Kongress für Perinatale Medizin. „Wir würden uns wünschen, dass das Leben und die Gesundheit der kranken und zu früh geborenen Babys im Mittelpunkt der Diskussionen stehen würde, und wenn wir die wohnortnahe Versorgung zugunsten der bestmöglichen Versorgung aufgeben würden."
© DGPM 2015 (Deutscher Kongress für Perinatale Medizin)


