28.01.2015
Das geplante Präventionsgesetz greift viel zu kurz
Vorbeugung von Gesundheitsschäden muss bereits bei der Familienplanung anfangen. Eine Prävention von Gesundheitsschäden, die nur die Lebenswelten von geborenen Kindern und Erwachsenen im Auge hat, greift zu kurz.
Vorbeugung von Gesundheitsschäden muss bereits bei der Familienplanung anfangen. Denn wenn Frauen mit einem problematischen Gesundheitszustand in eine Schwangerschaft gehen, kann das lebenlang erhebliche Folgen für ihr Kind haben. Über- und Untergewicht, Alkoholkonsum und Rauchen der Mutter beeinflussen die Empfängnisbereitschaft sowie die Gesundheit des ungeborenen Babys vom ersten Tag an. Sie erhöhen die Risiken für Unter- beziehungsweise Übergewicht des Babys und legen durch die fetale Programmierung den Grundstein für lebenslange gesundheitliche Schädigungen und letztlich für hohe Kosten, für die die Solidargemeinschaft aufkommen muss.
"Eine Prävention von Gesundheitsschäden, die nur die Lebenswelten von geborenen Kindern und Erwachsenen im Auge hat, greift zu kurz und geht nicht an die Wurzeln", so Dr. med. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, anlässlich einer Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung am 22. Januar 2015 in Berlin. "Wenn man es mit der Vorbeugung von Gesundheitsschäden ernst nimmt, dann muss man bereits die Schwangere im Blick haben. Dieser Aspekt fehlt in den bisherigen Entwürfen zum Präventionsgesetz völlig. Jede Maßnahme, die die Gesundheit von Frauen mit Kinderwunsch und von Schwangeren selbst stärkt, ist eine Investition in die Zukunft und hilft auch, künftig hohe Ausgaben im Gesundheits- und Sozialwesen einzusparen."
Der Frauenarzt nennt einige Zahlen:
20% aller Schwangeren in Deutschland sind übergewichtig, weitere 15% gelten mit einem BMI über 30 kg/m2 als fettleibig oder adipös. Dies erhöht das Risiko ihrer ungeborenen Kinder, selbst bereits überernährt geboren zu werden und im späteren Leben Diabetes und Bluthochdruck zu entwickeln (fetale Programmierung). Es erhöht zusätzlich das Risiko für Frühgeburten und für Kaiserschnitte. Die Kosten, die durch eine Frühgeburt vor der 37. Woche entstehen, können sich allein im ersten Lebensjahr der Babys auf bis zu 100.000 Euro und darüber belaufen. Jede fünfte Schwangere raucht; Nikotin führt zu einer Verengung der Blutgefäße in der Plazenta und zu einem Hunger- und Mangelzustand des ungeborenen Babys. Diese Babys werden ebenfalls fetal programmiert und sind von Anfang an in ihrer Entwicklung benachteiligt, werden häufig zu klein geboren, werden als Kinder häufiger krank, entwickeln häufiger Asthma und haben sogar ein größeres Krebsrisiko. Mangelernährung und damit intrauterines Untergewicht erhöhen ebenfalls das Risiko für Diabetes, Bluthochdruck und Herzkreislauferkrankungen im späteren Leben.Eine von fünfzig Schwangeren trinkt während der Schwangerschaft so viel Alkohol, dass das Gehirn ihres Kindes dadurch erheblich und bleibend geschädigt wird. Zwei Drittel aller Schwangeren bewegen sich pro Woche weniger als zweieinhalb Stunden und sind dann den Strapazen der späten Schwangerschaft und einer natürlichen Geburt kaum noch gewachsen.Eine Prävention dieser Schäden ist nur möglich, indem die Frau vor und zu Beginn ihrer Schwangerschaft erreicht und zu einer Änderung ihrer Lebensweise veranlasst werden kann.
Albring betont, dass Konzepte für derartige Aufklärungsmaßnahmen nur effektiv seien, wenn sie alle Bevölkerungsschichten erreichen. "Wir wissen aus epidemiologischen Daten, dass bei Frauen, die aufwändig, intensiv und kontinuierlich vor und während ihrer Schwangerschaft beraten und betreut werden zu Fragen von Ernährung und Sport, Genussgiften, Beruf und Lebensführung, das Risiko für Frühgeburten sinkt. Wir wissen aber ebenso aus vielen Studien auf der ganzen Welt, dass die meisten Aufklärungs- und Beratungskampagnen nur einen Teil der Bevölkerung erreichen. Da in Deutschland 99% aller Schwangeren die frauenärztliche Schwangerenvorsorge wahrnehmen, wäre dies die Gelegenheit, so gut wie alle Frauen in Deutschland unabhängig von Ausbildung, Einkommen, Beruf, familiärer Situation und sprachlichen Barrieren mit durchgreifenden Präventionskonzepten zu erreichen - im Interesse einer gesunden kommenden Generation. "
Es sei durchaus denkbar, so der Frauenarzt, die Qualität derartiger präventionsorientierter Beratungen, die über die bisherige Betreuung im Rahmen der Mutterschaftsvorsorge hinausgehen, zusätzlich durch Festlegung einheitlicher Beratungsstandards zu sichern. Um solche Konzepte zu entwickeln, sollten die Frauenärzte, auf deren Schultern die flächendeckende, fachliche Betreuung von Frauen mit Kinderwunsch und von Schwangeren liegt, als Teilnehmer ins Präventionsforum aufgenommen werden: Dieses Präventionsforum soll laut Gesetzesentwurf mit Fachleuten besetzt werden und Empfehlungen an die Nationale Präventionskonferenz aussprechen.
In der Nationalen Präventionskonferenz sitzen Vertreter aus Bund und Ländern, die gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherungen, die Unfallversicherungen und die Rentenversicherung. Die Maßnahmen, die in dieser Konferenz beschlossen werden, müssen durch diese Versicherungen finanziert werden. Deshalb erhalten sie in dem Gremium Sitz und Stimme, anders als Vertreter der Kommunen, der Ärzte und Apotheker, der Selbsthilfe und der Wohlfahrt.
"Wir können nur hoffen", so Dr. Albring, "dass in der Präventionskonferenz effektive Maßnahmen entwickeln werden, um die gesundheitliche Situation in Deutschland grundlegend zu bessern. Dass jedoch die Definition der Präventionsziele in den Händen von gesundheitsziele.de liegen soll, das sich selbst als Konsensplattform der sozialen Sicherungssysteme zu Reformfragen und zur politischen Willensbildung im Gesundheitswesen versteht, ist außergewöhnlich. Es lässt ein geringes Interesse an einer fachlich fundierten, kompetenten Umsetzung des Gesetzesvorhabens vermuten.“
Quelle & © BVF 2015


