16.02.2017
Darmbakterien spielen bei Nahrungsverwertung eine Rolle
Für nicht wenige Frauen hat eine gewichtsneutrale oder auch gewichtsreduzierende Ernährung einen großen Stellenwert. Dabei spielen auch die Darmbakterien eine Rolle.
Die Gesamtheit der Bakterien im Darm, das sogenannte Mikrobiom, ist in den vergangenen Jahren zunehmend in das Interesse der Wissenschaft gerückt. Über seinen Einfluss auf den Energiestoffwechsel im Körper berichtet eine Expertin in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2016). Demnach entscheiden über den Erfolg von gewichtsreduzierender Ernährung nicht nur Hormone und das Verhältnis von Kalorienzufuhr und Bewegung. Auch Bakterien haben ihren Anteil daran, berichtet die Ärztin und Darmexpertin Dr. Anne Katharina Zschocke. Das Mikrobiom, also die „Gemeinschaft der Bakterien“ im Darm, entscheidet darüber, wie die Nahrung für den Körper verwertet wird.
Vielfalt an Bakterien scheint günstig zu sein
Dabei verfügen Menschen nicht etwa über entweder Dickmacherbakterien wie die Firmicutes, oder schlank haltende wie die Bacteriodes, wie Studien vor einigen Jahren zunächst nahelegten. Vielmehr zeichnet sich eine gesunde Darmflora durch vielfältige Bakterien aus, die flexibel in einem natürlichen Rhythmus leben. Bei Tieren, die Winterschlaf halten, verändert sich beispielsweise die Zusammensetzung des Mikrobioms im Jahreslauf infolge der unterschiedlichen Nahrungsaufnahme. So konnten Forscher nachweisen, dass die Darmbakterien des Erdmännchens im Sommer im „Dickmacher“-Modus sind. In dieser Zeit legt es sich den notwendigen Winterspeck zu, von dem es dann während des Winterschlafs zehren kann. In dieser Zeit geht das Darm-Mikrobiom in einen „Schlankmacher“-Modus über.
Auch beim Menschen ändert sich die Zusammensetzung des Mikrobioms mit seinen Ernährungs- und Lebensgewohnheiten. Wer sich saisonal ernährt und im Sommer viel frisches Obst und Gemüse isst, unterstützt den natürlichen Rhythmus im Körper. Wenn sich im Winter das Nahrungsangebot ändert, passt sich das Mikrobiom von selbst entsprechend an, zeigen Studien. Dies setzt aber eine gesunde Bakterienvielfalt voraus.
Einseitige Ernährung trägt zur Verarmung von Bakterienarten im Mikrobiom bei
Genau diese Vielfalt der im Darm vorkommenden Bakterien nimmt jedoch in den Industrieländern ab. So zeigen Forschungen, dass im durchschnittlichen US-Bürger 15 bis 25 Prozent weniger Bakterienarten im Darm leben als bei südamerikanischen Ureinwohnern, so Dr. Zschocke. Wissenschaftler führen das zum einen auf eine einseitige Ernährung zurück, zum anderen auf den vermehrten Einsatz von bakteriziden Produkten, wie Desinfektions- und Konservierungsmitteln, und von Antibiotika – in der Medizin und der Nahrungsmittelindustrie. Gleichzeitig entdeckten Forscher, dass die abnehmende Vielfalt der Bakterien mit einer Zunahme des Körpergewichts einhergeht.
Der Erhalt der Artenvielfalt im Darm ist für die Expertin deshalb nicht nur die Basis eines gesunden Lebens, sondern auch die Voraussetzung zum Erhalt eines angemessenen Körpergewichtes. Schlankheitskuren führten hier nicht zum gewünschten Ziel, sondern lediglich zur Ausschüttung von Stresshormonen, die das Mikrobiom negativ beeinflussten. Wie aber hält man das Mikrobiom gesund?
Bakterienfreundliches Essen kann bakterielle Vielfalt fördern
Darmpflege beginne bereits im Mund, da Bakterien gut gekaute Speisen mögen, schreibt Dr. Zschocke. Denn nur so gelange ein mit Mundmikroben und reichlich Speichel vermengter Brei über den Magen in den Darm, wo er dann das Mikrobiom bereichert. Des Weiteren entfalten sich durch intensives Kauen Aromen besser. So erlebe man nicht nur höheren Genuss, sondern nehme die persönliche Sättigungsgrenze besser wahr, so Dr. Zschocke.
Die Mahlzeiten sollten zudem bakterienfreundlich sein: Eine regionale und vielseitige Kost mit naturnahen Lebensmitteln bekommt den körpereigenen Bakterien besser als industriell verarbeitete Nahrungsmittel, die viel Zucker und Fett, aber wenig Ballaststoffe enthalten. Bakteriell fermentierte Lebensmittel, wie beispielsweise nicht erhitztes Sauerkraut, helfen beim Aufbau einer gesunden Darmflora. Zudem unterstützen regelmäßige Essenszeiten den Mikrobiom-Rhythmus. Jede Einseitigkeit in der Ernährung führt zu einer einseitigen Vermehrung der sie verdauenden Bakterien. Das schwächt das Mikrobiom und bringt das gesunde Gleichgewicht ins Wanken, ist Dr. Zschocke überzeugt.
A. K. Zschocke: Mikrobiom und Winterspeck, DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2016; 141 (25); S. 1823–1827
Quelle: Pressmitteilung FZMedNews (Thieme)


