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08.12.2017

In der Rush-Hour des Lebens kommt der Kinderwunsch manchmal unter die Räder

Die Kinderwunschmedizin hat viele Erfolgs- und auch Sensationsmeldungen: Jahrelanges Tiefkühlen von Eizellen und Spermien, genetisches Design für das kindliche Erbgut, Transplantationen von Eierstöcken und Gebärmutter, Vierlinge mit 60 Jahren, all diese Berichte lassen Paare, die wegen eines unerfüllten Kinderwunsches zur Beratung und Behandlung kommen, glauben, dass in Sachen Nachwuchs alles erreichbar sei.

„Wir arbeiten intensiv dafür, dass jede Kinderwunschbehandlung in die Geburt eines gesunden Babys mündet", sagt Prof. Dr. med. Christian Thaler vom Kinderwunschzentrum des Klinikums der Ludwig-Maximilian-Universität München. „Aber selbst bei maximalen Bemühungen können wir bis heute nicht allen Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch zu leiblichen Kindern verhelfen."

Die Kinderwunschbehandlung erfordert maximal interdisziplines Arbeiten wie kaum ein anderes Gebiet der Medizin. Endokrinologisch und operativ qualifizierte Frauenärztinnen und -ärzte, Andrologen für die Beurteilung der Fruchtbarkeit des Mannes, Biologen für den optimalen Umgang mit Eizellen, Spermien und Embryo, dazu Urologen und Sexualmediziner gehören ins Team von Kinderwunschzentren. Alle diese Gebiete sind im „Dachverband Reproduktionsbiologie und -medizin e.V." organisiert, der vom 07.-09.12.2017 in München seinen siebten Kongress durchführt, den größten deutschsprachigen wissenschaftlichen Kongress für Kinderwunschmedizin, dieses Jahr unter Leitung des Frauenarztes Prof. Dr. med. Christian Thaler und des Andrologen Prof. Dr. med. Frank-Michael Köhn, beide aus München.

Nach dem 45. Lebensjahr in Richtung null Prozent

Eines der größten Probleme der Kinderwunschmedizin ist, dass das Alter, in dem Frauen heute ihren Kinderwunsch realisieren wollen, immer höher steigt. „Die Studie zur ‚Generation What‘ hat ergeben, dass über 50 Prozent aller jungen Erwachsenen in Deutschland sich ein Leben ohne Kinder vorstellen können. Diese Einstellung ändert sich im Lauf des Lebens in vielen Fällen. Aber die Wahrscheinlichkeit, auf natürlichem Weg schwanger zu werden, nimmt ab dem 30. Lebensjahr kontinuierlich ab und geht nach dem 45. Lebensjahr in Richtung null Prozent", erläutert Thaler. „Viele Paare hoffen, durch Maßnahmen der Fortpflanzungsmedizin hieran grundsätzlich etwas ändern zu können. Leider trügt diese Hoffnung! Auch dann, wenn wir noch normal aussehende Eizellen und Spermien gewinnen können, sinken mit höherem Alter der Frau die Chancen für das Einpflanzen eines Embryos und vor allem dafür, dass es am Ende zur Geburt eines gesunden Kindes kommt, selbst wenn alles in der Behandlung optimal läuft und selbst dann, wenn man mehrere Anläufe unternimmt."

Dass junge Erwachsene die Probleme, die sich bei einer verzögerten Familienplanung ergeben, bei weitem nicht erkennen, zeigen mehrere aktuellen Studien. Den Projektkoordinator der wichtigen Studie „Generation What", Tobias Bönte, hat der Kongress am 07.12.2017 in der Podiumsdiskussion „Herausforderung Kinderwunsch: Familienbild und Kinderwunsch im Wan-del der Generationen" zu Gast, ebenso wie Prof. Dr. rer. pol. Carsten Wippermann, der im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) bereits mehrere Studien durchgeführt hat, darunter die Studie „Kinderlose Frauen und Männer -Ungewollte oder gewollte Kinderlosigkeit im Lebenslauf" im Jahr 2015 und „Mitten im Leben - Wünsche und Lebenswirklichkeiten von Frauen zwischen 30 und 50 Jahren" im Jahr 2016. Diese Studien und ihre große Bedeutung für die Reproduktionsmedizin werden auf dem Kongress intensiv diskutiert. „Wir sehen vor allem das Problem, dass Frauen und Männer in der Rush-Hour ihres Lebens berufliche Karriere, Partnerwahl, Engagement in Ehrenamt und Hobby, oft auch Hauskauf und vieles andere versuchen zu bewältigen, und genau in diese Zeit soll dann auch noch die Familiengründung fallen", beschreibt Kongresspräsident Thaler die Situation. „Viele Paare verschieben also aus gut nachvollziehbaren Gründen das Kinderthema auf eine spätere, ruhigere Phase. Dann aber reichen die unsere Möglichkeiten in der Kinderwunschmedizin oftmals nicht mehr aus."

Embryonenschutzgesetz von 1990 schränkt Erfolgsaussichten ein

Bei den geringen Erfolgsaussichten spielen auch einige Aspekte des Embryonenschutzgesetzes aus dem Jahr 1990 eine Rolle: So gilt in Deutschland der selektive Single Embryo-Transfer immer noch als illegal. „Mit dieser Methode wird aus mehreren im Labor entstandenen Embryonen einer mit den besten Überlebenschancen ausgesucht und nur dieser eine Embryo wird dann auch implantiert. Damit können Mehrlingsschwangerschaften fast vollständig vermieden werden", erläutert Thaler. „In manchen Fällen, etwa nach Chemotherapie, käme auch die Spende von Eizellen einer anderen Frau in Frage, aber auch die ist in Deutschland vollständig verboten. Tatsächlich hatte man im Jahr 1990 noch vermutet, dass die Eizellspende dem Identitätsgefühl eines Kindes abträglich sein könnte, weil es dann zwei biologische Mütter hat - eine Sorge, die sich in internationalen Studien nicht bestätigt hat. Absurderweise war in Deutschland dagegen die Samenspende, also die Spaltung einer biologischen und sozialen Vaterschaft niemals verboten, auch wenn einzelne familienrechtliche Fragen bis heute ungeklärt sind."

Bei Eizell-Spenden im Ausland, die von vielen Paaren wahrgenommen werden, erfolgt die Eizell-Spende meist anonym, so dass die künftigen Eltern und auch das Kind nicht erfahren können, wer die genetische Mutter ist. Zudem trauen sich einzelne Frauen nicht, ihren betreuenden Frauenärztinnen und -ärzten in Deutschland von der Behandlung in der ausländischen Klinik zu berichten. Das ist besonders problematisch, da es bei einer Schwangerschaft nach Eizell-Spende häufiger zu Komplikationen kommt, so dass Transparenz besonders wichtig wäre, um den ersten Anzeichen dieser Gesundheitsprobleme frühzeitig Aufmerksamkeit schenken zu können.

„Eine Legalisierung der Eizell-Spende in Deutschland unter definierten Bedingungen würde beide Probleme mit einem Schlag lösen", so Thaler. Die Leopoldina, die deutsche Akademie der Wissenschaften, hat vor wenigen Wochen in einem Diskussionspapier von der Politik gefordert, in der kommenden Legislaturperiode ein modernes Fortpflanzungsmedizingesetz auf den Weg zu bringen. „Es gibt dringenden Handlungsbedarf", betont der Kongresspräsident. Die juristischen Fragen und künftigen Entwicklungen der Kinderwunschmedizin - auch im internationalen Vergleich - stehen deshalb auf dem DVR-Kongress am Samstag im Vordergrund.

© DVR-Kongress 2017


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