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07.12.2017

Alltagsgifte, Krankheiten, Arzneimittel – was Männer unfruchtbar macht

Paare mit Kinderwunsch unterschätzen vielfach, wie stark Genussgifte, Krankheiten und Arzneimittel die Fruchtbarkeit des Mannes beeinträchtigen können. Auf dem größten deutschsprachigen Kongress für Kinderwunschmedizin erläuterte einer der beiden Kongresspräsidenten, Prof. Dr. med. Frank-Michael Köhn, in einer wissenschaftlichen Sitzung, dass nicht nur die Zahl der Spermien durch derartige Einflüsse geschädigt werden kann, sondern auch ihre Beweglichkeitund ihre Fähigkeit, sich mit der Eizelle zu verbinden. Ein weiterer Angriffspunkt für solche schädigende Einflüsse kann zudem die DNA, das Erbmaterial, sein.

Bluthochdruck, Übergewicht und Diabetes können den Spermien schaden

„Zunehmende Bedeutung als Ursachen für Störungen der männlichen Fruchtbarkeit bekommen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Übergewicht, vor allem in Kombination mit einem steigenden Alter der Männer in der Kinderwunschsprechstunde", so der Androloge. In Fettzellen wird das männliche Hormon Testosteron außerdem in Östrogen umgewandelt, so dass das Risiko für einen Testosteronmangel steigt, was die Funktion der Hoden beeinträchtigen kann („Hypogonadismus"). Bei sehr starken Beeinträchtigungen der Spermaqualität kann die Befruchtung auf natürlichem Weg so unwahrscheinlich werden, dass künstliche Befruchtungen notwendig sind. Mit Übergewicht und Diabetes geht zudem häufig ein Bluthochdruck einher, der die Produktion von Samenzellen in den Samenkanälchen der Hoden negativ beeinflussen kann. 

Zusätzlich richtet sich das wissenschaftliche Interesse zunehmend auf Substanzen wie Betablocker und Kalziumantagonisten, gängige Arzneimittel gegen einen zu hohen Blutdruck, da nach Anwendung dieser Medikamente Einschränkungen von Spermienzahl und Spermienfunktionen beobachtet wurden. Für die Phase der Familienplanung müsste deshalb in enger Absprache mit dem behandelnden Internisten gegebenenfalls über einen Wechsel der Arzneimittel nachgedacht werden, so Köhn. Noch besser wäre es, durch eine Änderung des Lebensstils die Behandlung mit Arzneimitteln ganz unnötig zu machen. „Ein Body Mass Index über 25 kann mit schlechterer Spermaqualität einhergehen. Es gibt auch Hinweise darauf, dass Spermien von adipösen Männern mit einem BMI über 30 schlechtere Ergebnisse bei künstlichen Befruchtungen ihrer Frauen erreichen."

Zu einem Stopp der Spermienproduktion führen übrigens auch Anabolika, die männliche Hormone enthalten. Dem Körper wird dadurch signalisiert, dass ausreichend Testosteron vorhanden ist. Daher unterbleibt die ausreichende Stimulation der Hoden durch die Hirnanhangsdrüse, so dass die Produktion von Samenzellen ausbleibt. Die Folge kann ein Verlust der Fruchtbarkeit sein.

„Bei der Abklärung der männlichen Fruchtbarkeit sollten aber auch Störungen der Sexualität wie Erektions- oder Orgasmusstörungen berücksichtigt werden. Alkohol, Drogen und Psychopharmaka können manchmal die Ursache dafür sein, dass bei einem Mann die Stärke und Dauer der Erektion nicht mehr ausreichen oder sexuelles Verlangen, Orgasmus oder Ejakulation beeinträchtigt sind", erläutert Köhn.

DNA-Schäden durch Nikotin und Überwärmung

Gravierend sind auch die Schäden, die Nikotin an den Spermien anrichtet: Die Zahl, Beweglichkeit und Form der Spermien können gestört sein, so dass ihre Chancen, überhaupt bis zur Eizelle vorzudringen, erheblich eingeschränkt sind. Außerdem finden sich bei Rauchern häufiger Schäden in der DNA, dem Erbmaterial, das sie transportieren. Die Fähigkeit der Spermien, Eizellen zu befruchten, kann dadurch deutlich herabgesetzt sein. Untersuchungen aus Deutschland haben gezeigt, dass sich diese Folgen von Nikotinkonsum teilweise erst zwei Jahre nach Beendigung des Nikotinkonsums zurückbilden. Auch Überwärmung durch Infektionen mit Fieber, durch Krampfadern im Hodensack, viel sitzende Tätigkeit oder Sitzheizungen können die Spermaqualität und Fähigkeit zur Befruchtung von Eizellen beeinträchtigen. Besonders schwere Schäden der Spermienproduktion werden durch Chemotherapien verursacht, wie sie bei Krebserkrankungen oder manchmal auch bei Autoimmunkrankheiten eingesetzt werden.

Weniger beweglich, weniger erfolgreich

Für eine erfolgreiche Zeugung braucht es nicht nur eine Mindestzahl von genetisch intakten Spermien. Die Spermien müssen auch ausreichend vorwärts beweglich sein, um die Eizelle zu erreichen. Sogenannte Kreisläufer oder träge vorwärts bewegliche Spermien werden nicht an der Eizelle ankommen und sie befruchten können. Nikotin, Übergewicht, Diabetes, Fieber und Infektionen, Chemotherapie und Arzneimittel können diese wichtigen Eigenschaften von Spermien so beeinträchtigen, dass die Chance auf Befruchtung herabgesetzt ist.

„Die gute Nachricht ist, dass sich das Hodengewebe nach Beendigung schädlicher Einflüsse auch wieder erholen kann. Eindrucksvoll sieht man das, wenn bei hohem Fieber die Spermienzahlen dramatisch abfallen und nach Gesundung in den folgenden Monaten wieder ansteigen", so Köhn. „Das erfordert aber Geduld, da die Produktion und Reifung von Samenzellen im menschlichen Hoden und Nebenhoden etwa drei Monate in Anspruch nehmen. Zudem kann man die Fähigkeit zur Erholung im Einzelfall nicht vorhersagen. So haben wir auch Patienten mit langem Missbrauch von Anabolika gesehen, deren Hoden ihre Funktion nicht wieder aufgenommen haben."

Spermiogramm nur nach WHO-Handbuch

Köhn wies darauf hin, dass die komplette Samenanalyse immer noch nur durch geschulte Fachkräfte möglich ist, auch wenn die computerassistierte Samenanalyse in den letzten Jahren weitere Fortschritte gemacht hat.  Damit die Ergebnisse von Spermiogrammen trotzdem vergleichbar sind, muss unbedingt nach dem „Laborhandbuch der Weltgesundheitsorganisation WHO zur Untersuchung und Aufbereitung des menschlichen Ejakulats" vorgegangen werden, das sehr präzise jeden einzelnen Schritt der Aufbereitung und Auswertung definiert sowie die Qualitätssicherung bei der Samenanalyse gewährleistet.

Dazu Prof. Köhn: „Es ist sehr wichtig, dass dort, wo das Paar mit seinem Kinderwunsch betreut wird, auch exakt nach WHO-Handbuch gearbeitet wird. Die Ergebnisse des Spermiogramms können aber nur in Verbindung mit der Krankenvorgeschichte des Mannes, seiner körperlichen Untersuchung durch einen Andrologen und gegebenenfalls auch Hormonuntersuchungen korrekt beurteilt werden. Eine eingeschränkte Spermaqualität ist erst einmal nur ein Symptom und noch keine Diagnose. So, wie der Allgemeinarzt oder Internist bei dem Symptom ‚Fieber‘ klären muss, woher es kommt, müssen Andrologen bei eingeschränkter Spermaqualität nach Ursachen suchen. Das können z.B. Hodenhochstand im Kindesalter, Hormonstörungen oder Infektionen sein. Die künftigen Eltern selbst profitieren davon, wenn die Diagnose wirklich genau gestellt wird, denn daran werden sich die künftige Behandlung und auch die Einschätzung der Erfolgschancen messen."

© DVR-Kongress 2017


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