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15.06.2016

Schwangere sollten sich nach Fernreisen in Epidemiegebiete auf Zikavirus-Infektion testen lassen

Schwangere, die von einem Aufenthalt in einem der Zikavirus-Epidemie-Gebiete zurückkehren, sollten sich auf das Virus testen lassen. In Deutschland wurden seit Einführung einer Meldepflicht im Mai 2016 bisher 17 Fälle von Zikavirus-Infektionen, darunter zehn Frauen, durch das Robert-Koch-Institut (RKI) erfasst (persönliche Mitteilung RKI, Stand 7.6.2016). Um im Falle einer Infektion während einer Schwangerschaft richtig zu handeln, hat die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) eine umfassende Stellungnahme zum Thema veröffentlicht. „Damit geben wir eine wissenschaftlich fundierte Orientierungshilfe, einen Leitfaden zum ärztlichen Vorgehen bei Schwangeren nach einem Aufenthalt in einem Zikavirus-Epidemiegebiet ", erläutert Prof. Dr. med. Diethelm Wallwiener, Präsident der DGGG, Ärztlicher Direktor der Universitäts-Frauenklinik Tübingen. Ziel der Empfehlungen ist es, Zikavirus-Infektionen und deren mögliche Komplikationen, wie die sogenannte Mikrozephalie oder Hirnfehlbildungen beim Ungeborenen, möglichst frühzeitig zu erkennen.

Das Zikavirus ist genetisch mit dem Dengue-Virus verwandt. Symptome sind beispielsweise Kopf- und Muskelschmerzen, Fieber oder Hautausschlag. Ein Großteil der Infektionen (ca. 60-80 Prozent) verläuft jedoch unbemerkt. In der aktuellen DGGG-Stellungnahme „Zikavirus-Infektion während der Schwangerschaft, Auswirkungen auf den Feten und Empfehlungen zur Überwachung und Diagnostik" erklärt Prof. Dr. med. Dr. h.c. Ioannis Mylonas, München, zusammen mit Prof. Dr. med. Annegret Geipel, Bonn, und Priv.-Doz. Dr. med. Martin Enders, Stuttgart, dass die Datenlage zu Schwangerschaften mit Zikavirus-Infektion weiterhin begrenzt sei. Allerdings wird der Zusammenhang zwischen einer über den Mutterkuchen erfolgenden, sogenannten transplazentaren, Übertragung des Virus von der Mutter auf das ungeborene Kind und kindlichen Hirnfehlbildungen immer wahrscheinlicher.

Derzeit sei noch unzureichend bekannt, wie häufig das Virus im Falle einer Infektion der Schwangeren auf das Kind übertagen wird und wie häufig beim infizierten Ungeborenen Symptome auftreten. Nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen sei auch noch nicht eindeutig geklärt, inwieweit der Zeitpunkt der Virusinfektion (1., 2. oder 3. Schwangerschaftsdrittel) für die Häufigkeit einer Mutter-Kind-Übertragung bzw. die Schwere der kindlichen Erkrankung ausschlaggebend ist. „Auch wenn keine Auffälligkeiten erkennbar sind, sollten sich schwangere Rückkehrerinnen aus mittel- und südamerikanischen Ländern testen lassen", verdeutlicht Prof. Annegret Geipel.

Was ist eine Mikrozephalie?

Unter Mikrozephalie ist eine Verminderung des Kopfumfangs und Hirnvolumens bei Neugeborenen mit unterschiedlichen Ausprägungen zu verstehen. Bei Ungeborenen oder Neugeborenen mit Mikrozephalie infolge einer Zikavirus-Infektion finden sich häufig weitere Hirnauffälligkeiten wie zum Beispiel Verkalkungen, Hirnkammerweitstellungen, Kleinhirnfehlbildungen oder eine gestörte Ausbildung der Hirnwindungen. Dies kann genetisch bedingt oder durch andere Virusinfektionen, wie zum Beispiel Zytomegalie (CMV) oder Toxoplasmose, verursacht sein. Letztgenannte Infektionen kommen in Europa als Ursache angeborener Hirnfehlbildungen häufiger vor als die durch Zikavirus-Infektionen. Für die Prognose des Kindes ist der Grad der Mikrozephalie aber auch das Vorhandensein weiterer Schädigungen und Fehlbildungen entscheidend. Mögliche Langzeitfolgen sind Krampfleiden, Hör- und Sehstörungen und andere neuromotorische Defizite (d.h. Bewegungsstörungen).

Schwangeren sollte nach Rückkehr aus dem Epidemiegebiet eine Labordiagnostik und Ultraschalluntersuchungen angeboten werden. Bei nachgewiesener Zikavirus-Infektion werden Ultraschallkontrollen etwa alle vier Wochen empfohlen, wobei gezielt der Kopfumfang des Feten begutachtet und nach weiteren anatomischen Auffälligkeiten gesucht werden sollte. Auch sollte in diesen Fällen das Neugeborene auf eine Zikavirus-Infektion getestet werden. Infizierte Babies (auch solche ohne Symptome) sollten regelmäßig nachuntersucht werden, da derzeit nicht bekannt ist, ob später noch Symptome auftreten können.

Prävention und therapeutische Maßnahmen

Werdende Mütter sollten Reisen in Risikogebiete mit dokumentierten Zikavirus-Infektionen vermeiden. Wenn dies nicht möglich ist, sollten sie sich besonders vor Mückenstichen schützen. Männlichen Rückkehrern mit schwangeren Partnerinnen wird die Verwendung von Kondomen empfohlen, da auch die sexuelle Übertragbarkeit des Zikavirus mittlerweile als wahrscheinlich gilt. Bei nachgewiesener Zikavirus-Infektion sollten Frauen bis zu acht Wochen, Männer aufgrund der langen Nachweisbarkeit des Virus im Sperma bis zu sechs Monate, mit Kondomen verhüten. Insbesondere mit Blick auf die diesjährigen Olympischen Spiele in Rio de Janeiro ist daher eine umfassende Aufklärung über präventive Schutzmaßnahmen sinnvoll. „Wer einmal mit dem Zikavirus infiziert war, ist ab dann wahrscheinlich ein Leben lang dagegen immun", erläutert Prof. Mylonas. Demnach können Frauen mit Kinderwunsch nach einer bereits durchlebten Zikavirus-Infektion, d.h. acht Wochen nach Symptombeginn, über eine Schwangerschaft nachdenken. In diesen acht Wochen sollte allerdings eine Schwangerschaft aus Sicherheitsgründen vermieden werden. Auch eine Reise in Epidemiegebiete ist dann - ohne Bedenken vor einer erneuten Ansteckungsgefahr - möglich.

Therapeutische Maßnahmen helfen nur gegen Symptome, sie bekämpfen nicht das Virus selbst. Derzeit gibt es weder eine Impfung noch eine spezifische Therapie.

Quellen:

Wissenschaftliche Stellungnahme der DGGG

Aktuelle Informationen zu den Risikogebieten mit dokumentierten Zika-Virus-Infektionen des Centre for Disease Prevention and Control (ECDC)

Zikavirus-Informationen des Robert-Koch-Instituts (RKI)

Pressemitteilungen der DGGG



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