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05.03.2014

Wohlbefinden und Partnerschaft in den Wechseljahren

Weniger sportlich, weniger schwungvoll, weniger neugierig, weniger abenteuerlustig, weniger aktiv, weniger attraktiv, weniger interessiert und weniger interessant, vielleicht auch weniger gesund - das Älterwerden und die Wechseljahre verbinden viele Frauen für sich selbst und für ihren Partner mit Verlusten. „Weniger Sex" gehört meist ebenso in die Aufzählung; der Verlust der sexuellen Aktivität folgt fast zwangsläufig aus allen anderen Veränderungen und ist nur selten ausschließlich auf die hormonelle Umstellung zurückzuführen. Müdegestritten arrangieren sich Paare in einem Kompromiss des Miteinander-Lebens mit möglichst wenigen Reibungspunkten, besser gemeinsam nebeneinander als selbstentfaltet, allein und vielleicht auf lange Sicht einsam.

„Wenn eine Frau in den Wechseljahren mich um ärztliche Hilfe bittet, weil sie und ihr Partner keinen erfüllenden Sex mehr miteinander haben, so finde ich sie oft am Ende einer langen Wegstrecke", stellt Dr. Anneliese Schwenkhagen fest, Frauenärztin in Hamburg. „Um an der Situation etwas grundlegend zu ändern, kann ich nicht an diesem letzten Ende ansetzen. Meine Frage ist dann nicht, wann sie das letzte Mal mit ihrem Partner Sex hatte, wann sie das letzte Mal zärtlich miteinander waren, sondern schlicht, wann sie sich das letzte Mal miteinander unterhalten haben." Sich miteinander unterhalten, und zwar nicht über die alltäglichen Angelegenheiten, über die Kinder, über Kollegen und Bekannte, den Wochenendeinkauf - obwohl das schon besser ist als nur immer nebeneinander in trügerischer Friedlichkeit das Abendprogramm zu gucken -, sondern über sich selbst, über das, was einen gefreut hat in der letzten Zeit, was enttäuschend war, über das, was die Eintönigkeit der Arbeit in einem anrichtet oder was man eigentlich gern noch tun und erleben würde, vielleicht allein, vielleicht zusammen mit dem Partner. Wann hat sich das Paar gegenseitig das letzte Mal zugehört? Ohne den anderen zu unterbrechen oder Kritik zu üben? Selbst wenn der Partner unverbesserlich ist? Unverbesserliches wird im Streit allzu oft nur verfestigt, nicht geheilt. Aber es gilt, eine Schicht tiefer fragen - warum regt mich mein/e Partner/in nach so vielen Jahren immer noch so auf? Was wäre, wenn er/sie sich niemals ändern würde und ich mich einfach darauf einlassen würde? Würde das vielleicht neue Freiräume für ein Durchatmen schaffen, neue Chancen für Nähe?

Die ersten Jahre einer Beziehung sind spannend, weil beide noch bereit sind, sich auf den anderen einzulassen und Neues ins eigene Leben aufzunehmen, sich zu vertrauen, sich über die Grenzen der eigenen Denkweisen hinwegzusetzen und dabei dazuzugewinnen. Nach zehn, zwanzig, dreißig Jahren einer Beziehung ist davon oftmals nicht mehr viel übrig. Themen, mit denen man nicht weiterkommt, werden ausgegrenzt, und man ist froh, wenn der kleinste gemeinsame Nenner genug Raum lässt, um sich einigermaßen sicher um die eigene Achse zu drehen.

Paare, die es schaffen, im Gespräch über ihren Status quo hinauszuwachsen, denen es gelingt, gemeinsam etwas Neues zu beginnen, und zwar nicht nur jeder für sich allein auf dem Weg in die eigene Selbstverwirklichung, sind auf einem guten Weg. Denn ein solcher Neuanfang schafft Freude und lässt Raum, wieder vertraut und auch zärtlich miteinander umzugehen und sich letztlich, vielleicht nach langer Zeit, auch wieder auf Nähe im Bett einzulassen.

Denn Sexualität, die in einer lange dauernden Beziehung am Leben bleiben soll, braucht Grundlagen: Vertrauen darauf, nicht verletzt zu werden, auch wenn die Lebenspläne, Hoffnungen und Wünsche sich nicht haben auf einen Nenner bringen lassen. Wenn der berufliche Erfolg ausgeblieben ist und sich stattdessen Fehlentscheidungen und Geldsorgen eingestellt haben. Vertrauen darauf, nicht verletzt zu werden, wenn die Haut faltiger, Hüften und Bauch runder werden. Wenn die Scham über all das stärker wird als das Vertrauen, dann lässt sich Sex möglicherweise noch eine Zeitlang mit Alkohol und anderen Hilfsmitteln erzwingen. Aber eine solide Basis für beide befriedigende Sexualität ist das nicht: Wenn ein Paar keine Möglichkeiten findet, die schwindende Attraktivität beider Partner mit Humor und Zuneigung zu akzeptieren, dann wird das die Tragfähigkeit der Beziehung auf Dauer überlasten.

Erst dann, wenn wieder Vertrauen und Nähe hergestellt sind, können eigentlich beide feststellen, ob die frühere sexuelle Aktivität noch in ihr jetziges Leben passt, ob beide tatsächlich noch sexuelle Höhenflüge und Orgasmen anstreben. Erst dann können sie gemeinsam überlegen, wieviele Anstrengungen sie unternehmen wollen, um trotz der angesammelten Lebensjahre wieder gelegentlich dorthin zu kommen, mit Paartherapie, Hormonersatz und anderen Medikamenten oder Operationen, oder ob sie sich vielleicht verändert haben und einvernehmlich glücklich und zufrieden damit sind, sich nahe und vertraut zu wissen.

 „Erst wenn ich sehe, dass die Beziehung eine Basis hat, ist es sinnvoll, weitere Puzzlesteine zu dem Gesamtbild hinzuzufügen," so Dr. Schwenkhagen. „Ist ein geschwächter Beckenboden die Ursache dafür, dass Sex nicht mehr so intensiv wahrgenommen wird? Behindert eine trockene Scheide den Spaß? Steckt hinter den Erektionsproblemen des Mannes vielleicht nicht die mangelnde Attraktivität der Partnerin, sondern ein Arzneimittel, eine unentdeckte Krankheit, zu viel Alkoholkonsum, vielleicht auch einfach zu viel Müdigkeit, zu viel Enttäuschung darüber, dass so viele Pläne und Träume am Panzerglas der Realität zerschellt sind?"

Wenn ein Paar an diesem Punkt der Klarheit und Nähe angelangt ist und sich ärztlichen Rat wünscht, um die verlorengegangene Sexualität wieder zurückzugewinnen, dann erst versprechen Behandlungsversuche überhaupt einen Sinn und vielleicht auch einen Erfolg.

© FOKO 2014
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