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20.09.2006

Nabelschnurblut – zu schade zum Wegwerfen

Nabelschnurblut enthält zum Zeitpunkt der Geburt sehr viele Stammzellen. Das sind Zellen, die noch unreif sind und sich deswegen noch in verschiedenste Zelltypen entwickeln können, z. B. Muskelzellen, Nervenzellen, Blutzellen, Zellen des Immunsystems. Entnimmt man nach der Geburt diese Zellen und werden sie fachkundig aufbereitet, können sie viele Jahre aufgehoben werden und bei Bedarf zum Einsatz kommen.

Stammzellen aus Nabelschnurblut haben besondere Eigenschaften, denn sie sind sehr differenzierungsfreudig und langlebig, sind frei von Krankheitserregern, können einfach, schmerzfrei und risikolos entnommen und lange aufbewahrt werden und sind ethisch vollkommen unbedenklich.

Weitere Arten von Stammzellen

Neben Stammzellen aus Nabelschnurblut gibt es noch weitere Arten. Die bekanntesten sind die embryonalen Stammzellen und die adulten oder erwachsenen Stammzellen. Embryonale Stammzellen entstehen bei den ersten Zellteilungen nach der Befruchtung. Sie können sich noch zu allen Typen von Zellen (außer Plazentazellen) entwickeln (differenzieren); man nennt sie auch pluripotente Stammzellen. Um sie zu gewinnen muss nach derzeitigen Erkenntnissen jedoch der Embryo abgetötet werden, weshalb diese Form der Gewinnung in Deutschland auf Grund ethischer Aspekte verboten ist.
Auch beim erwachsenen Menschen finden sich in einigen Organen noch Stammzellen. Ihre Aufgabe besteht darin, zu Grunde gegangene Zellen zu ersetzen. Die einzige zugängliche Quelle adulter Stammzellen liegt im Knochenmark. Ihre Gewinnung ist relativ aufwändig und mit Risiken verbunden. Stammzellen aus dem Knochenmark sind wegen ihres Entwicklungsstandes nicht mehr so flexibel, wie embryonale oder Nabelschnurblut-Stammzellen.

Für andere spenden oder für den Eigenbedarf vorsorgen?

Wenn sich ein Paar zur Einlagerung von Nabelschnurblut entschließt, muss es grundsätzlich entscheiden, ob es die Stammzellen einer öffentlichen Stammzellbank spenden möchte, um damit anderen Menschen die Möglichkeit für eine geeignete Therapie mit Stammzellen zu geben, oder ob das Blut für den möglichen Eigenbedarf eingelagert werden soll.

Bei einer Spende wird das Nabelschnurblut Ihres Kindes einem öffentlichen Spenderregister geschenkt. Dabei entstehen für die Spender keine Kosten. Die Nabelschnurblut-Präparate werden fachgerecht untersucht, aufbereitet und eingelagert. Für eine Übertragung von Stammzellen muss die Probe bestimmte Kriterien erfüllen, z. B. muss die Menge und die Anzahl an Stammzellen ausreichend sein. Ist das nicht der Fall, wird das Nabelschnurblut für Forschungszwecke und zur Weiterentwicklung der Technik eingesetzt. Erfüllt die Probe die Qualitätskriterien, wird sie für die Stammzellbank freigegeben. Benötigt ein Patient diese Stammzellen, kommt es zur Behandlung. Es gibt daher keine Gewähr, dass das körpereigene Nabelschnurblut noch verfügbar ist, falls das eigene Kind es eines Tages benötigen sollte. Kann das Nabelschnurblut eines Neugeborenen möglicherweise einem kranken Geschwisterkind helfen, ist eine so genannte gerichtete Spende möglich.

Die Spende von Nabelschnurblut kann nur in (wenigen) ausgewählten Kliniken in Deutschland durchgeführt werden. Eine Spende ist auf jeden Fall sinnvoll, da sie Menschenleben retten könnte. Aus einem Pool von ungefähr 320.000 weltweit in öffentlichen Stammzellbanken eingelagerten Nabelschnurproben wurden allein im Jahr 2005 etwa 7.000 Patienten behandelt.

Bei einer Aufbewahrung für das eigene Kind, erfolgt die Einlagerung bei einer privaten Firma. Die Kosten für die Entnahme, Prüfung und Aufbereitung der Probe belaufen sich auf etwa 2.000 Euro. Hinzu kommt eine jährliche Gebühr für die Aufbewahrung. Benötigt das Kind, ein Geschwisterkind oder ein Angehöriger die eingefrorenen Stammzellen, können sie für die Behandlung verwendet werden. Natürlich gibt es keine Garantie, dass die Stammzellen irgendwann im Leben zum Einsatz kommen können, oder - falls eine Erkrankung auftritt - dass sie durch die aufbewahrte Probe behandelt werden kann. Die Einlagerung bietet aber zumindest die Möglichkeit, für einen solchen Fall vorzusorgen. Bisher sind von mehr als 400.000 privat eingelagerten Proben weniger als 100 zur Anwendung gekommen.

Inzwischen gibt es eine Reihe privater Firmen, die Stammzellen aus Nabelschnurblut einlagern. Um die zum Teil sehr unterschiedlichen Angebote und die Qualität besser zu verstehen, haben namhafte Gynäkologen (u.a. Prof. Holzgrefe aus Basel) den Firmen Fragen gestellt. Die Ergebnisse der Fragebögen sind unter www.nabelschnurblutbanken.de einzusehen.

Anwendungsgebiete

Man unterscheidet zwischen der Anwendung körpereigener und körperfremder Stammzellen. Für die so genannte regenerative Medizin sowie für einige Krebserkrankungen werden körpereigene Stammzellen (autolog) benötigt. Für andere Erkrankungen, beispielsweise bestimmte Arten der Blutkrebs (Leukämie), bevorzugt man dagegen körperfremde Stammzellen (allogen). Der große Vorteil körpereigener Stammzellen liegt darin, dass eine Abstoßungsreaktion des Körpers gegen die transplantierten Zellen verhältnismäßig selten auftritt. Nachteile autologer Stammzellen sind, dass die Zellmenge stark begrenzt ist. Sie beträgt nur etwa ein zehntel im Vergleich zur Zellmenge bei einer Knochenmarkspende. Dadurch ist die gefährliche Phase nach der Transplantation, in welcher der Körper ohne aktives Immunsystem auskommen muss, etwa zwei Wochen länger, als nach einer Knochenmarktransplantation. Als Folge davon ist die Sterblichkeit nach einer solchen Transplantation erhöht. Ein weiterer Nachteil liegt darin, dass angeborene Krankheiten oder Störungen nicht behandelt werden können, da die fehlerhafte Erbinformation auch in den Stammzellen vorliegt. Nur erworbene Krankheiten können therapiert werden.

Krankheiten, die mit eigenen oder fremden Stammzellen behandelt werden können sind beispielsweise Leukämien (Blutkrebs), Anämien (Blutarmut), bestimmte Tumore und Lymphdrüsenkrebs. In Zukunft hofft man, Stammzellen auch bei Autoimmunerkrankungen wie Multipler Sklerose oder Diabetes (Zuckerkrankheit), oder Schädigungen des Gewebes, wie sie bei einem Herzinfarkt oder frühkindlichen Hirnschädigungen auftreten, chronisch entzündlichen Tumoren, Knochenerkrankungen und Hauttransplantationen einsetzen zu können.


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