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21.11.2011

Brustkrebs ist kein Notfall

Die Diagnose „Brustkrebs" stellt keinen medizinischen Notfall dar. Jede Frau, die diese Diagnose erfährt, kann sich Zeit nehmen, um die neue Situation mit ihrer Frauenärztin bzw. ihrem Frauenarzt und ihren Angehörigen zu besprechen und sich auch im Internet zur Expertin zu machen. Denn mit der Wahl der richtigen Klinik wird für die Heilung der Krankheit eine wichtige Weiche gestellt, wie Prof. Nadia Harbeck, Leiterin des Brustzentrums der Universitäts-Frauenklinik Köln, betonte.

Dass Brustkrebs heute nur noch in einem zertifizierten Brustzentrum behandelt werden sollte, in dem alle fachärztlichen Richtungen vertreten sind und dessen Qualität geprüft ist, das ist heute allgemein bekannt. Aber es gibt eine ganze Reihe von Studien über moderne Formen von Diagnostik und Therapie, an denen Patientinnen teilnehmen können, und die nur in wenigen Zentren durchgeführt werden. Die Teilnahme an derartigen Studien kann einen deutlichen Vorteil darstellen. So wurde die wichtige Funktion des Wächter-Lymphknotens zunächst über viele Jahre in Studien überprüft. Bei Frauen, die nicht in diese Studien eingeschlossen waren, wurden in dieser Zeit weiterhin alle Lymphknoten der Achselhöhle entfernt, obwohl dies bei vielen nicht notwendig gewesen wäre.

Auch die Gabe der Chemotherapie bereits vor der Operation wurde zunächst nur in Studien geprüft, wie Prof. Anton Scharl, Chefarzt der Frauenklinik Amberg und Vorsitzender der Kommission Mamma der AG Gynäkologische Onkologie der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, auf einer Pressekonferenz in München betonte. Im Rahmen dieser Studien zeigte sich, dass das - eventuell auch zusammen mit einer Bestrahlung - eine sehr sinnvolle Option sein kann, um den Tumor schon vor der Operation so zu verkleinern, dass die Operateurinnen und Operateure viel weniger Brustgewebe entfernen müssen. Gleiches gilt für die Entdeckung des Her2-Neu-Rezeptors und der Östrogenrezeptoren, die bei manchen Patientinnen auf bzw. in der Tumorzelle zu finden sind, und gegen die es sinnvoll ist, gezielte Medikamente einzusetzen. Patientinnen in Studien konnten bereits 10 Jahre vor Nicht-Studien-Patientinnen von diesen neuen Ansätzen profitieren.

Ebenfalls in Studien wird heute geprüft, ob die Blockade von weiteren Rezeptoren, eine Hemmung des Wachstums von Blutgefäßen im Tumor, Eingriffe in den Stoffwechsel der Tumorzelle, moderne und immer weniger belastende Konzepte der Chemotherapie für Brustkrebspatientinnen sinnvoll sein können, wie Scharl erläuterte. Hierbei ist vor allem die Frage interessant, welche Patientinnen von diesen Verfahren besonders profitieren können und bei welchen diese Verfahren unwirksam bleiben werde, so Prof. Achim Rody, Stellvertretender Direktor der Frauenklinik des Universitätsklinikums Homburg/Saar. Um Forscherinnen und Forscher aus den Grundlagenwissenschaften  und aus den Kliniken zusammenzuführen, haben Harbeck und Rody gemeinsam mit Prof. Manfred Kaufmann, Direktor der Universitäts-Frauenklinik Frankfurt/Main, im Jahr 2008 ein jährliches Meeting ins Leben gerufen, um Rückschläge und Erfolge in Sachen Brustkrebs gemeinsam zu diskutieren und auch um neue Forschungsansätze zu entwickeln. Dieses Meeting fand dieses Jahr unter dem Titel „COMBATing Breast Cancer" am 18. und 19.11.2011 in München statt.

Dass diese weiteren Entwicklungen und damit auch die Hoffnungen für Brustkrebspatientinnen in der Zukunft bedroht sein könnten, darauf wies  Harbeck hin: „Die Bedingungen für Ärztinnen und Ärzte, um in ihren Kliniken sowohl Patientinnen zu betreuen als auch Forschung zu betreiben, sind denkbar schlecht. Meist muss Forschung zusätzlich zu den normalen ärztlichen Arbeiten, zusätzlich zu den Nacht-, Bereitschafts- und Wochenenddiensten erledigt werden, und die Strukturen in den Kliniken in Deutschland geben uns nur wenig Hoffnung, dass sich das von allein bessern wird. Deshalb fürchten wir, dass es künftig kaum noch möglich sein wird, dass Patientinnen in Deutschland unmittelbar von Studien und auch von den Studienergebnissen aus Deutschland profitieren. Wir werden zunehmend von Ergebnissen aus dem Ausland abhängig werden und müssen warten, bis ein Medikament oder ein diagnostisches Verfahren in Deutschland durch die Krankenkassen bezahlt wird, bevor wir es einsetzen können. Das wird die Heilungschancen für Brustkrebspatientinnen einschränken".



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